Die Streicher – eine bedeutende Musikerfamilie

In der Musikwelt ist der Name Streicher ein Begriff. Johann Andreas Streicher (1761-1833), Pianist und Komponist aus Stuttgart, war eng befreundet mit Friedrich Schiller, dem er 1782 zur Flucht aus Stuttgart verhalf. Im Alter hielt Andreas Streicher seine Erinnerungen an dieses prägende Erlebnis in einem Buch fest, das 1836 erschien (Schillers Flucht von Stuttgart und Aufenthalt in Mannheim, Stuttgart 1836).

Mit seiner Frau Nannette Stein (1769-1833), Tochter des angesehenen Augsburger Klavier- und Orgelbauers Johann Andreas Stein, ging Andreas Streicher 1794 nach Wien, wo Nannette und ihr Bruder Matthäus Andreas Stein die Klavierfabrik „Frère et Sœur Stein“ eröffneten und damit den Betrieb ihres Vaters weiter führten.

Andreas und Nanette Streicher

Andreas und Nannette Streicher

Im Jahre 1802 trennten sich die Geschwister und sowohl Matthäus Andreas (André) wie auch Nannette führten ab diesem Zeitpunkt jeweils eigene Firmen. Nannette nannte ihr Unternehmen „Nannette Streicher née Stein“.

Firmenschild am Klavier

Firmenschild am Klavier – Nannette Streicher née Stein à Vienne

War Johann Andreas Streicher der Intimus des jungen Schillers, so wurde seine Frau Nannette eine wichtige Vertraute des alternden Beethoven (1770-1827), der, so misstrauisch er sonst war, ihren Rat vor allem in allen Fragen des praktischen Lebens sehr schätzte. Das Ehepaar Streicher unterhielt in Wien einen illustren Salon. Die dort stattfindenden Konzerte sprengten im Laufe der Zeit den privaten Rahmen, und Streicher spielte eine führende Rolle bei der Gründung der Gesellschaft der Musikfreunde (auch wenn er selbst nicht unter den Gründungsmitgliedern aufscheint), die bis heute eine bedeutende Rolle im Wiener Musikleben spielt.

Streicher’sche Pianoforte-Fabrik

Streicher’sche Pianoforte-Fabrik Clavier- und Concert-Saal

Gemeinsam mit ihrem Sohn Johann Baptist Streicher (1796–1871) verschaffte Nannette dem Betrieb Weltgeltung. Mit dem Tod von Nannette 1833 wurde Johann Baptist Alleininhaber der Fabrik. Er gehörte zu den innovativsten Wiener Klavierbauern des 19. Jahrhunderts. Am Höhepunkt des Erfolges produzierte die Fabrik 140-160 Flügel jährlich. Viele namhafte Komponisten und Adelige ließen ihr Klavier von Streicher bauen oder besuchten die sonntäglichen Matinéen.

Johann Baptist Streicher

Johann Baptist Streicher

 

Streicher-Flügel

Streicher-Flügel

Die Klavierfabrik existierte bis 1896, zuletzt unter der Leitung von Johann Baptists Sohn, Emil Streicher (1836-1916). Dieser legte die Fabrik still und überließ die Räumlichkeiten den Gebrüdern Stingl, nachdem sein Sohn Theodor kein Interesse an der Weiterführung des Unternehmens zeigte.

Emil Streicher mit seinem erstgeborenen Enkel, Wilhelm Wolfgang

Emil Streicher mit seinem erstgeborenen Enkel Wilhelm Wolfgang

Der sog. „Alte Streicherhof“ stand in der Ungargasse 46 im 3. Wiener Gemeindebezirk, der „Neue Streicherhof“ später in der Ungargasse 27. Beide Gebäude wurden im Zweiten Weltkrieg beschädigt und der „Alte Streicherhof“ wurde 1959 abgerissen.

Andreas Streicher und Nannette Stein wurden am Sankt Marxer Friedhof in Wien beigesetzt und später in ein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof überstellt. Nach ihrem Sohn Johann Baptist Streicher ist im 3. Wiener Gemeindebezirk die Streichergasse benannt.

Straßenschild Streichergasse in Wien, 3. Bezirk

Straßenschild Streichergasse in Wien, 3. Bezirk

Theodor Streicher  (1874-1940), Emils Sohn, wollte Komponist werden. Als er kaum 18 Jahre alt war, fanden seine Lieder schon einen Verleger in Deutschland (Lauterbach & Kuhn; die Werke wurden später von Breitkopf & Härtel übernommen). Übereifrige Freunde haben ihn damals als einen zweiten Hugo Wolf gepriesen und damit erhielt er seine Marke, die ihm freilich später nicht gerade genützt hat. Er heirate 1900 in erster Ehe Marie (Mimi, 1875-1915) Potpeschnigg, Tochter des Pianisten Heinrich Potpeschnigg, der wiederum ein enger Freund und leidenschaftlicher Förderer des Komponisten Hugo Wolf war.

Der junge Theodor Streicher (1874-1940)

Der junge Theodor Streicher (1874-1940)

Potpeschnigg besaß ein Feriendomizil (Villa Seeheim, Bad-Stich-Straße 51) in Krumpendorf, wo Theodor Streicher 1905 die 1876 erbaute Villa Zier kaufte, die nun zum Lebensmittelpunkt der Familie werden sollte (Villa Streicher). Mit Mimi hatte Theodor Streicher sieben Kinder: Christine (Christel, 1900-1999), Theodora (Dora, 1902-1999), Wilhelm Wolfgang (1905-1925), Johanna (Hanni, 1906-1997), Tassilo Heinrich (1908-1942), Gerda (1909-1972), Nannette (Nanni, 1911-2002).

Die Streichegeschwister 1938

Die Geschwister Streicher: v.l.n.r. stehend: Johanna, Tassilo, Nannette,
sitzend: Gerda, Christel, Dora ca. 1938 (Foto: Wolfgang Streicher)

Die zierlich gebaute Mimi Potpeschnigg starb 1915 im Alter von nicht einmal 40 Jahren an Tuberkulose. Wenige Monate später heiratete Streicher die deutsche Dichterin Edith Thorndike (1882-1964). Die Ehe hielt 10 Jahre. Es war die glücklichste und kreativste Schaffensphase im Leben des Komponisten. Edith Thorndike übernahm sogleich die Mutterrolle („Mutts”) für die sieben Kinder und rettete dank einer Erbschaft auch den Besitz durch einen Rückkauf, nachdem Theodor wegen Geldproblemen das Haus bereits verkauft hatte. Theodor Streicher verließ Krumpendorf und heiratete 1925 ein drittes Mal. Diese Ehe war allerdings von nur kurzer Dauer. Margarete Pap verstarb nur zwei Jahre nach der Hochzeit. Erneut war der Grund Tuberkulose, wie bereits bei seiner ersten Frau und seinem erstgeborenen Sohn Wilhelm.

Im Zentrum des kompositorischen Schaffens von Theodor Streicher stand das Lied. Sein Werkverzeichnis umfasst über 200 Liedtitel. Der große Erfolg, abgesehen vom stürmischen Beifall der ersten Jugendzeit, blieb ihm aber versagt. Enttäuschungen und Zurücksetzungen blieben ihm nicht erspart und so zog er sich immer mehr in die Einsamkeit zurück.

1936 erhielt Theodor Streicher den Österreichischen Staatspreis für Musik.

Theodor Streicher - Des Knaben Wunderhorn

Theodor Streicher – Des Knaben Wunderhorn

Das beachtliche Vermögen von Theodor Streicher schrumpfte in den 20er und 30er Jahren durch die Nachkriegsinflation. Von den vielen geerbten Besitztümern blieb nichts erhalten.

Villa Streicher im Winter in den 1940er Jahren

Villa Streicher im Winter in den 1940er Jahren (Foto: Wolfgang Streicher)

Nach mehreren Schlaganfällen verbrachte er seine letzten Lebensjahre in Sanatorien in der Nähe von Graz und Wien. Er starb am 28. Mai 1940 in Wetzelsdorf bei Graz.

Streicherhaus in Krumpendorf 1959

Streicherhaus in Krumpendorf 1959

Die Streicher-Villa blieb im Besitz der Familie und wurde von den Töchtern Dora, Johanna und Christine bis ins hohe Alter bewohnt.

Auch die Musiktradition wurde durch die Töchter (und deren Nachkommen) fortgesetzt: Theodora (Dora) spielte sowohl Violine, Viola und Klavier, war Mitglied mehrerer renommierter Streichquartette (zuletzt des Klagenfurter Schweyda Quartetts) und geachtete Professorin am Klagenfurter Konservatorium. Gerda war Musikpädagogin und Pianistin in Wien. Die Schwester Johanna (Hanni) kehrte für ihren Lebensabend aus Deutschland wieder in die Streicher-Villa zurück und unterrichtete in Krumpendorf mit großem Einsatz Klavier.

 

Quellen:

  • Bezirksmuseum Landstraße, Sechskrügelgasse 11, 1030 Wien
  • Technisches Museum Wien, Instrumentensammlung
  • KHM, Neue Burg, Sammlung alter Musikinstrumente, Wien
  • Richard Bruce Wursten, The Life and Music of Theodor Streicher: Hugo Wolf Redivivus?, Dissertation, University of Wisconsin-Madison, 1980
  • Frieder Reininghaus: Ein Mann der Tat und der Musik, Johann Andreas Streicher; Deutschlandfunk, 13.12.2011
  • U. Goebl-Streicher, J. Streicher, M. Ladenburger: „Diesem Menschen hätte ich mein ganzes Leben widmen mögen”, Beethoven und die Wiener Klavierbauer Nannette und Andreas Streicher, Bonn 1999
  • U. Goebl-Streicher: Das Stammbuch der Nannette Stein; Faksimile, Text und Kommentar, 2 Bde., Tutzing 2001
  • U. Goebl-Streicher: Das Reisetagebuch des Klavierbauers Johann Baptist Streicher 1821-1822. Text und Kommentar, Tutzing 2009
  • Peter Donhauser, Alexander Langer: Streicher – Drei Generationen Klavierbau in Wien, Verlag Dohr Köln, 2014

 

 

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