Karl Dinklage

(10.10.1907 – 29.8.1987)

 

Wer sich mit der Geschichte von Krumpendorf befasst, der stößt unweigerlich auf Karl Dinklage und seine Hofgeschichten. Auch eine Ortsgeschichte von Krumpendorf war in Planung. Seine Hofgeschichten zeugen von der bäuerlichen Struktur, die in Krumpendorf früher vorherrschte. Erst mit der Erschließung des Fremdenverkehrs durch den Bahnbau wandelte sich das Ortsbild.

 

Beruflicher Werdegang

 

Karl Dinklage kam am 10.10.1907 in Dresden zur Welt. Sein Vater, Karl Dinklage, geboren 1875 in Tetschen an der Elbe, war Doktor der Chemie und als Direktor der wissenschaftlichen und technischen Station für Brauerei in Dresden und später in München tätig. Mit 21 Jahren (1896-1897) unternahm er eine Weltreise, die ihn u.a. in den Himalaya, nach Japan, Mexiko und auf die Galapogos Inseln führte. Die Mutter Anna (*1872) geb. Wiesner, stammte aus Würzburg. Ihre Lebensphilisophie war das Theater.

Karl Dinklage 1907

Karl Dinklage 1907

Karl besuchte von 1914-17 die Bürgerschule in Dresden, wo er nach sechs Wochen von der 1. in die 2. Klasse aufgrund seiner besonderen schulischen Leistungen aufsteigen durfte. 1926 schloss er das Humanistische Gymnasium Münnerstadt in der Heimatstadt seiner Mutter mit dem Abitur ab. Dort veröffentlichte Dinklage mit 18 Jahren sein erstes Büchlein „Ein kunstgeschichtlicher Führer durch Münnerstadt“. Weitere Auflagen und Überarbeitungen erschienen 1935 und 1983.

Karl Dinklage mit seiner Mutter in DresdenFoto: Gerhild Ustar, 29.8.2017

Karl Dinklage mit seiner Mutter in Dresden (Foto: Ustar)

Er studierte anschließend an der Münchner Universität und promovierte nach fünfjähriger Forschung über die „Entwicklung von Verfassung und Wirtschaft in Dorf und Stadt Münnerstadt bis zum Ausgang des 15. Jahrhunderts.“

Von 1935 bis 1942 war er Assistent am Südostinstitut der Universität München und von 1942 bis 1945 Abteilungsleiter für Vor- und Frühgeschichte am Institut für Kärntner Landesforschung an der Universität Graz in Klagenfurt. Aus dem Wehrdienst, den er von 1944 bis Kriegsende in Vorarlberg ableistete, habilitierte er an der Deutschen Karlsuniversität Prag in Vor- und Frühgeschichte. Nach Auflösung des Instituts für Kärntner Landesforschung im Herbst 1945 erstellte er von 1946 bis 1958 die Geschichten von bäuerlichen Anwesen. Neben bäuerlichen Hofgeschichten, Firmengeschichten von Gewerbe- und Industriebetrieben entstand auch eine umfangreiche Geschichte mit dem Titel „Kärntens gewerbliche Wirtschaft von der Vorzeit bis zur Gegenwart“. Im Auftrag der jeweiligen Kammern folgten jeweils eine Geschichte der Landwirtschaft (1966) und eine der Arbeiterschaft in zwei Bänden (1976 und 1982).

Von 1958 bis 1972 fand er die langersehnte Anstellung als Archivar im Landesarchiv, das ihm durch sein intensives Forschen zu den Hofgeschichten bereits bestens vertraut war. In diese Zeit fällt auch die Umstellung der Adressen von Hausnummern auf Straßennummern in Krumpendorf. Die Gemeinde war an ihn herangetreten, dieses Projekt umzusetzen. Es war ein sehr aufwendiges Verfahren, bei dem Pläne neu gezeichnet und jedes Gebäude im Ort erfasst werden musste. Nach diesem Vorgehen wurde in den darauffolgenden Jahren auch Pörtschach und Velden umgestellt.

Seine Tätigkeit im Landesarchiv umfasste die Unterstützung der Benutzer als wissenschaftliche Kraft, die Einziehung archivreifer Bestände der Bezirksgerichte und deren Aufschließung sowie die Erstellung von Gemeindegeschichten aufgrund zahlreicher Wappenverleihungen.

Damals erhielt er durch das Kulturreferat der Kärntner Landesregierung die Aufgabe sich der Gründung und des Aufbaus eines Robert-Musil-Archivs zu widmen, was er mit viel Engagement umsetzte.

Eine besondere Kostbarkeit stellt seine Bearbeitung und Herausgabe der Khevenhüller-Chronik dar.

Karl Dinklage 1971

Karl Dinklage 1971

1968 habilitierte er an der Hochschule für Welthandel (heute Wirtschaftsuniversität) Wien in Wirtschafts- und Sozialgeschichte. 1979 wurde ihm vom Bundespräsidenten der Berufstitel „Ordentlicher Universitätsprofessor“ verliehen.

 

In Krumpendorf

 

Karl Dinklage heiratete Marie Jakobus 1928 in München. Ein Jahr später kam Reinhold auf die Welt, 1932 folgte Karl, 1937 Christine, 1939 die Zwillinge Gerd und Gerhild und 1942 Horst.

Marie Jakobus später Dinklage 1917

Marie Jakobus spätere Dinklage 1917

1937 starb Karl 4-jährig an Diphtherie in München und 1943 erlag Horst mit nur 13 Monaten in der Villa Assmann einem Stromschlag. Die Mutter eilte mit dem leblosen Kind sofort zu Dr. Neuscheller am Lannerweg, doch dessen Wiederbelebungversuche konnten den Buben nicht zurückholen. Eine äußerst dramatische Zeit für die Eltern. Der kleine Sarg mit dem Jungen wurde zu Fuß von den Trägern nach Pirk getragen, wo die Beisetzung stattfand.

Dinklage-Kinder 1944/45

Die Dinklage Kinder: rechts und links die Zwillinge Gerhild und Gerd, in der Mitte Christine 1944/45. (Foto: Ustar)

Als Abteilungsleiter für Vor- und Frühgeschichte am Institut für Kärntner Landesforschung verbrachte er aufgrund seiner wissenschafltlichen Arbeit die Woche über in Bled, wo Ausgrabungen stattfanden. Da die Fahrt von Bled nach München, wo die Familie vorher lebte, während des Krieges fast unmöglich zu bewältigen war, zog die Familie schon während des Kriegs nach Krumpendorf in die Villa Assmann, Koschatweg 7, die direkt am Wörthersee lag.

Kurz vor Kriegsende wurde Karl Dinklage nach Vorarlberg abkommandiert. Er war zwar Wissenschaftler, musste aber dennoch immer wieder an militärischen Ausbildungen teilnehmen. Nach dem Ende des Krieges blieb die Familie in Österreich, da ihr Haus in München durch Bomben vollständig zerstört worden war.

Karl Dinklage hatte jetzt zwar das Aufenthaltsrecht, aber gleichzeitig keine Anstellung. Das wissenschaftliche Institut war aufgelöst worden. Die kinderreiche Familie (2 Söhne und 2 Töchter) war mit schwierigsten Bedingungen konfrontiert, um den Lebensunterhalt sicher zu stellen. Aus dieser Situation heraus – man hatte regelmäßig Kontakt zu den Bauern, von denen man Lebensmittel holte – entstand die Idee, die Geschichten der Höfe aufzuschreiben. Das Angebot wurde gerne angenommen. Bezahlt wurde dafür oft in Naturalien. Neben Silberbesteck und Schmuck, was man Stück für Stück verkaufte, waren es die geringen Einnahmen aus den Hofgeschichten, die der Familie das Durchkommen für über ein Jahrzehnt sicherten.

Nach dem Krieg wurde die Familie Johannsen (4 Söhne) von den Engländern in der Villa Aßmann einquartiert. Jetzt befanden sich zwei kinderreiche Familien in einem Haus. Da war ständig was los. Der See lag vor der Haustür, zur Freude aller.

Stiefmutter Hilde Dinklage, Karl und Marie Dinklage (v.l.) vor Villa Assmann ca. 1945 (Foto: Ustar)

v.l. Stiefmutter Hilde Dinklage, Karl und Marie Dinklage vor Villa Assmann ca. 1945 (Foto: Ustar)

Die ersten Truppen der Engländer schlugen im Garten der Villa ihre Zelte auf, der übervoll davon war. Die Engländer waren zu den Kindern sehr freundlich und beschenkten sie immer wieder mit Süßigkeiten. In der Nähe der Villa hatte sich ein Munitionshaufen aufgetürmt, eine nicht ungefährliche Situation für die Kinder, die dort unterwegs waren und spielten.

Anfang der 1950er Jahre zog die Familie in den 4. Stock des Terrassenhotels, wo sie bis 1955 blieb bevor sie nach Klagenfurt übersiedelte.

 

Robert Musil

 

Wäre Karl Dinklage nicht gewesen, gäbe es kein Robert-Musil-Geburtshaus in Klagenfurt, denn an Stelle seines Geburtshauses stünde jetzt ein 8-geschossiges Verwaltungsgebäude von Raiffeisen. Der Abrissbescheid war bereits genehmigt. Aber zurück zum Anfang:

Schon 1959 wurde Karl Dinklage vom Kärntner Landesamtsdirektor Newole mit der Erforschung zum Leben des österreichischen Schriftstellers Robert Musil betraut. Erst in Folge dieser Forschung entdeckte Dinklage das bis dahin unbekannte und verwahrloste Geburtshaus Musils in der Bahnhofstraße in Klagenfurt. Der Nachlass Robert Musils befand sich damals bei Gaetano Marcovaldi, dem Stiefsohn Musils, in Rom.

Das Jahr 1960 gilt als der Beginn der Robert Musil Ausstellungen in 59 Städten in 14 Ländern auf drei Kontinenten. Um die Ausstellungsexponate transportieren zu können, wurden extra zwei Speziallederkoffer angefertigt. Mit diesen zwei Koffern bereiste Karl Dinklage die Ausstellungsorte von Moskau bis Tokio, von Berlin bis Rom, was ihm den Spitznamen „der Mann mit den zwei Koffern“ einbrachte. Nach Tokio ging es mit der Transsibirischen Eisenbahn. Sein japanischer Kollege Prof. Hamakawa übersetzte den Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ in Japanische.

Am 28.11.1960 fand die erste Musil-Ausstellung in Wien statt. Anlässlich der Ausstellung erschienen zwei Sammelbände „Leben, Werk, Wirkung“. Ein Musil-Archiv sollte entstehen. Dafür setze sich Karl Dinklage ein. Seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass der Nachlass erworben und von Rom nach Klagenfurt geholt werden konnte. Der Nachlass hatte einen Umfang von 15.000 Seiten, die gesichtet und katalogisiert und auf Mikrofilm archiviert werden mussten. Dazu gehörten auch Alltags- und Gebrauchsgegenstände sowie Möbel, die nun im Musil-Museum zu sehen sind.

Als 1973 das Geburtshaus Musils abgerissen und einem 8-stöckigen Raiffeisengebäude hätte weichen sollen, setzte sich Karl Dinklage auf sich allein gestellt beharrlich für den Erhalt des Gebäudes ein. Waren es 15 oder 20 Besuche und schriftliche Eingaben bei Bürgermeister Guggenberger, man weiß es nicht mehr so genau, aber diese Hartnäckigkeit machte sich bezahlt. In letzter Minute wurde der Abriss verhindert, das Haus von Bund, Land und Stadt erworben und der „Vereinigung Robert-Musil-Archiv Klagenfurt“ in Folge geschenkt.

Musil Geburtshaus vor Renovierung 1973

Musil Geburtshaus vor Renovierung 1973 in Klagenfurt (Foto: Dr. S. Hartwagner)

Musil Geburtshaus renoviert 1976

Musil Geburtshaus in Klagenfurt renoviert 1976 (Foto: Hans Belsak)

Das Geburtshaus Robert Musils wurde von Grund auf renoviert und am 26.6.1976 durch Bundeskanzler Bruno Kreisky, der mit fünf Bundesministern anreiste, eröffnet. Heute ist es eine Zentrale der Musil-Forschung und der Literaturbegegnung.

Dinklage und Kreisky 1976

Eröffnung der Robert-Musil-Ausstellung im Geburtshaus in Klagenfurt am 26.6.1976. Karl Dinklage überreicht Dr. Kreisky Band 6 der vom Musil-Archiv herausgegebenen Musil-Studien. (Foto: H. Trenkwalder, Klagenfurt)

Es sei hier noch erwähnt, dass das Engagement Karl Dinklages für Robert Musil über mehr als drei Jahrzehnte ehrenamtlich war, er also dafür keine Bezahlung erhalten hat. Er hat den Dichter auf der ganzen Welt durch die zahlreichen Ausstellungen bekannt gemacht und damit das Fundament für die Musil-Forschung gelegt. Bis 1986 wurden Musilaustellungen in 136 Städten aller 5 Erdteile gezeigt.

Musil Museum 2017

Musil Museum 2017

 

Die Khevenhüller-Chronik

 

Khevenhueller-Chronik Bucheinband

Khevenhueller-Chronik Bucheinband

Die Ausarbeitung des Buches nahm fünf Jahre in Anspruch. Das Werk beschreibt die geschichtlichen Leistungen der Khevenhüller für Kärnten. Darin enthalten sind in annähernd originalgroßen Wiedergaben die ältesten Darstellungen Kärntens, Ansichten von Burgen und Schlössern, Städten und Märkten. Historisch besonders interessant sind Abbildungen aus dem Kärntner Eisenbergbau. So bezeichnete Karl Dinklage in seiner Festrede die Weißblechfabrik in der Kreuzen als „älteste existierende Weißblechfabrik der Welt“. (Tafel 26).

Khevenhueller-Chronik Weißblechfabrik

Khevenhueller-Chronik Weißblechfabrik

Khevenhüller-Chronik Schloss Velden

Khevenhüller-Chronik Schloss Velden

Erschienen ist das Buch in der Edition Tusch, Wien. Anton Tusch, ein gebürtiger Kärntner, schuf in Wien einen der führenden Kunstverlage. Die Chronik hat eine herausragende Bedeutung für die Landesgeschichte Kärntens inne. Entsprechend festlich war der Rahmen für die Präsentation am 24.10.1980 im Wappensaal des Klagenfurter Landhauses.

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Quellen:

  • Carinthia I, Wilhelm Neumann, „Univ.-Prof. Dr. Karl Dinklage“, 1987
  • Der Mann mit den Koffern, Kleine Zeitung, 6. April 2012
  • Chronologie der Musil-Forschung in Klagenfurt durch Karl Dinklage, Gerhild Ustar, 2012
  • Die Brücke, Kärntner Kulturzeitschrift, „Zur Eröffnung des renovierten Robert-Musi-Hauses in Klagenfurt“, 1976, Nr. 4
  • Vinculum, Mürschter Echo, „Professor Dr. Karl Dinklage erhielt hohe Auszeichnung“, 1986, Nr. 3
  • Kärnten um 1620 – Die Bilder der Khevenhüller-Chronik, Edition Tusch, Wien, 1980
  • Ein „Tusch“ für Tusch & Dinklage, Kleine Zeitung, 25.10.1980
  • Kärntens große Vergangenheit, KTZ, 25.10.1980
  • Kärnten um 1620 – Die Bilder der Khevenhüller-Chronik, Kärntner Wirtschaft, 7.11.1980
  • Gespräche mit Gerhild Ustar (geb. Dinklage), 10.6.2017 und 29.9.2017
  • Gespräch mit Arch. MMag. Gerd Dinklage, 20.5.2017

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