„Der Reiterer“ war für Jahrzehnte der Elektriker Krumpendorfs, sowohl in den schwierigen Zeiten des Wiederaufbaus wie auch in den Zeiten des darauf folgenden Wirtschaftswunders.
Josef „Seppl“ Reiterer stammte aus einer wohlhabenden Wiener Familie. Sein Großvater, Felix Reiterer, betrieb eine Seidenwarenfabrik „Felix Reiterer’s Söhne“ in Mährisch-Schönberg (heute Tschechien). 1908 heirateten seine Eltern, Josef Reiterer und Maria Demuth in Wien. Die Familie von Maria besaß eine Maschinen-Fabrik und Edelmetall-Walzwerk (Brüder Demuth). Das Archiv der TU Wien listet heute noch die zahlreichen Erfindungsprivilegien (gleichbedeutend mit heutigen Erfindungspatenten), die den erfinderischen Geist der Familie Demuth im 19. Jahrhundert belegen. Der Erste Weltkrieg, der Zusammenbruch der Monarchie und die damit verbundenen neuen Grenzen bewirkten, dass Unternehmensbereiche plötzlich im Ausland zu liegen kamen. Die Weltwirtschaftskrise 1929 mündete in einem starken Rückgang der Industrieproduktion, hoher Arbeitslosigkeit und einem gravierenden Einbruch der Wirtschaft. Diese Entwicklungen besiegelten das Ende beider Großunternehmen.

1909 kam Josef „Seppl“ als Ältester von drei Kindern (Josef, Edmund und Wilhelmine) zur Welt.
Auf Grund der schwierigen wirtschaftlichen Lage verließ er Wien, um in Lofer bei Salzburg 1933 sein eigenes Geschäft zu eröffnen.

Da der Familiensitz in Wien, in der Auhofstraße 4, durch eine der letzten Bomben im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, kaufte seine Mutter Maria Reiterer 1949 ein Haus am Grillparzerweg in Krumpendorf als Bleibe für die Familie.
Josef gab sein Geschäft in Lofer auf und eröffnete 1938 sein zweites Elektro-Geschäft zuerst in der Bahnhofstraße 2a, später dann Bahnhofstraße 4 in Klagenfurt, gleich neben dem Eisenwarenhändler Filli. Er handelte mit Elektrogeräten und vielen gängigen technischen Artikeln, die Elektroinstallationen erforderten, übernahm aber auch Reparaturen von elektrischen Haushaltsgeräten. 1938 erhielt er die Elektrokonzession für Starkstromanlagen und die Niederspannungskonzession.

1940er Jahre

in Klagenfurt ca. 1940
1941 legte er in Klagenfurt die Meisterprüfung im Handwerk der Rundfunkmechaniker mit Auszeichnung ab. Erstmalig wurden vor einer Prüfungskommission aus Wien Meisterprüfungen im neuen Handwerkszweig Rundfunkmechaniker in Klagenfurt abgenommen, wie die Alpenländische Rundschau berichtete.

26. August 1941

Anton Wrann und Ing. Josef Reiterer mit Auszeichnung
(Alpenländische Rundschau 6.9.1941)

Der Umstand, dass seine Mutter bereits ein Haus in Krumpendorf besaß, das aufstrebende Krumpendorf jedoch ohne Elektriker war, ermutigte ihn, auch in Krumpendorf ein Geschäft samt Werkstätte zu eröffnen, und zwar direkt an der Hauptstraße 155, im Hause von Fritz Krainer, neben dem Schuster Koban und der Drogerie Soucek.

Es war ein Verkaufsgeschäft mit angeschlossener Werkstätte. In Krumpendorf boomte der Fremdenverkehr und die Bautätigkeit. Hier lernte er seine Frau Elfi Golger kennen, die er 1957 heiratete. Noch im selben Jahr kam Tochter Susanne zur Welt.

Der „Ing. Reiterer“, wie er respektvoll genannt wurde, strahlte jene Vertrauenswürdigkeit aus, die für einen Elektriker von großem Wert ist. Schließlich vertraute man ihm „das Elektrische“ an, über dessen professionelle Installation kein Zweifel bestehen durfte. Elektroinstallationen zu jener Zeit waren störungsanfällig und Josef Reiterer wurde nicht selten auch mitten in der Nacht geholt, um Fremdenverkehrsbetriebe, Villen oder Haushalte aus Notsituationen zu retten, in die sie Gewitter oder Netzprobleme gebracht hatten. Man kann sich vorstellen, was es für einen Betrieb bedeutete, wenn mitten in der Hochsaison der Strom in der Großküche oder in den Kühlräumen ausfiel. Der „Ing. Reiterer“ war dann der Retter in der Not, denn auf ihn war Verlass.

Man nahm Josef Reiterer auch auf der Straße sofort wahr, besaß er doch einen Mercedes 220 Baujahr 1953, ein Liebhaberstück und Blickfang. Den Mercedes erwarb er 1971 von Bürgermeister Karl Kutternig, der ihn wiederum 1955 von den Wiener Sängerknaben gekauft hatte. Der Wagen gehörte einfach zum Hause Reiterer und wurde von der Familie erst 1993 schweren Herzens verkauft, allerdings im Wissen, dass der Oldtimer sich in guten Händen befindet, restauriert wurde und weiterhin in Kärnten unterwegs ist.

Der Verkaufsraum des Geschäftes in Krumpendorf war zwar nicht groß, dennoch bekam man dort alles, was im entferntesten Elektrogeräte jener Zeit betraf.
Als noch nicht der ganze Ort elektrifiziert war, aber auch die Bewohner „weiter oben“ – also jene ohne Stromanschluss – Radio hören wollten, verwendeten viele große Batterien, die sie dann zum Reiterer zum Aufladen brachten. Elfi Reiterer erinnerte sich noch lebhaft daran, wo sich in der Werkstätte Batterien gerade im Ladezustand befanden.

Das Sortiment des Geschäftes wurde mehrmals erweitert, so um viele praktische Haushaltsartikel und alles, was eine Fahrradreparatur benötigte: Reifen, Mäntel, Sattel und Flickzeug. Und jeder brauchte diese Artikel immer wieder und rasch, ohne nach Klagenfurt fahren zu müssen. Der boomende Fremdenverkehr fügte dem Sortiment noch den einen oder anderen Souvenir-Artikel hinzu.
Krankheitsbedingt konnte in den 1970er Jahren Ing. Josef Reiterer seiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr nachgehen und beschränkte sich daher nur noch auf den Verkauf, bei dem ihn Frau und Tochter sehr unterstützten. Nach seinem Ableben Ende 1981 führte Tochter Susanne das Geschäft weiter.

Ein Einrichtungsstück des Geschäftes, an das sich manche der Kunden heute noch erinnern, war eine Art manuelle Registrierkasse aus Holz. Ein Papierstreifen wurde dabei mit einem Hebel um jeweils eine Zeile weitertransportiert, so dass der zu kassierende Betrag mit einem Stift direkt auf die Rolle notiert werden konnte. Die Bedienung des Hebels öffnete dann auch gleichzeitig die Kassenlade. Sie war eine Art Vorläufer der späteren Registrierkasse.
Das Geschäft wurde noch bis Ende März 1989 weitergeführt, auch wenn natürlich schon lange keine Elektro-Arbeiten mehr übernommen wurden.
Quellen:
- Gespräche mit Witwe und Tochter von Ing. Josef Reiterer, 2022 und 2023
- Archiv der TU Wien, Sammlung von Erfindungsprivilegien
- Die Gross-Industrie Oesterreichs. Festgabe zum glorreichen fünfzigjährigen Regierungs-Jubiläum seiner Majestät des Kaisers Franz Josef I. dargebracht von den Industriellen Oesterreichs 1898, Bd. 4, Wien: Leopold Weiss 1898, S. 45.
- Alpenländische Rundschau, 6. September 1941, Seite 5