Hei wie es lustig ist draußen im Schnee, wie sich’s da tummeln lässt und Schneeballen werfen und auf der hartgefrorenen Pfütze glitschen und — plumps — da liegt er der kleine rothbackige Junge mit dem erfrorenen Näschen, aber es thut nichts, er ist gleich wieder auf den Beinen und weiter geht es in gleicher Weise, lärmend und lachend nach Haus.

Es war heiß und langweilig in der dumpfen Schulstube und sie müssen das Stillesitzen jetzt einbringen, die armen kleinen Menschenkinder, die Schuljungen. Da — mitten unter den größeren Rangen — geht frisch und lustig das Bürschlein mit den rothen Backen und dem lieben, runden Gesicht und so schelmischen Augen, dass ihm die Buben gar nicht trauen, — obwohl seine blauen Hände in den Höschen stecken, — und sie haben Recht. Der kleine Loisl ist ein Schelm und der aufgeblähte, mürrische Junge da vorne, der Sohn des reichsten Bauern in der Gegend, hat, ehe er sich’s versieht, einen mächtigen Schneeball am Kopfe. —
„Na, wart‘ nur Lois!“
Eine tobende Jagd geht nun Hügel auf, Hügel ab, über Eis und Schnee, denn der Loisl ist behende wie eine Katze, aber er wird schließlich doch erreicht und umringt und jetzt gibt es ein richtiges Gefecht im Schnee. Erst als sie tüchtig durchnässt und ermüdet sind, wandern sie weiter und da unten, wo die Straße ins erste Dorf abbiegt, fallen schon viele ab, unter ihnen des Großbauern Sohn.
„Na, wart‘ nur,“ ruft er dem Lois noch einmal zu, „na, wart‘ nur!“ —
Aber der Kleine steckt die Hände wieder in die Taschen und geht ruhig weiter, was thut’s auch, wenn ihm die Buben drohen — er lacht dazu.
Bald trennen sich wieder einige und endlich wandert der Loisl ganz allein, denn er hat am weitesten nach Haus — recht weit. Dort, wo der Berg steil in die Höhe ragt, steht die Hütte, in der seine Mutter wohnt — den Vater hat er nie gekannt. Es wird ganz dunkel, ehe er heimkommt und grimmig kalt, es fröstelt ihn, denn er hat sich erhitzt beim Gefecht und ist ganz durchnässt vom vielen Schneewerfen — nun geht er tapfer drauf los, damit er bald zum Feuer komme, zum hellen, wärmenden Feuer, das ist gut! — Da ist er denn endlich zu Hause, aber wie er die Thüre der halbverfallenen Hütte aufmacht — o weh — ist’s drinnen fast so kalt wie draußen und dunkel, ganz dunkel.
„Bist Du’s Lois?“ fragt eine Stimme in der Stube.
„Ja, Mutter, — aber gibt’s denn kein Feuer heut?“ sagt der Kleine, „er hat sich so gefreut auf das Feuer und es ist ihm so kalt.“ Einen Augenblick ist alles still, dann erwidert dieselbe Stimme:
„Geh hinüber zur Alten, vielleicht gibt sie Dir ein paar Spän‘!“
Der Bub lässt sich’s nicht zweimal sagen, er springt hinüber über den Hof, zum Häuschen, in dem die alte Auszüglerin wohnt — aber die schläft schon längst, er kann sie nicht erwecken und kehrt traurig zurück.
Indessen ist der Mond aufgegangen, er sieht freundlich herein in die niedere Kammer und bei seinem Scheine sucht die Mutter ein Stück Schwarzbrot hervor zum Nachtessen für den Jungen; jetzt sieht sie erst, dass er ganz durchnässt ist und zittert vor Frost.
„Aber Bub, das einzige G’wand,“ greint sie. Der Kleine schaut sie flehend an mit den großen blauen Augen:
„’s war so lustig!“ dann kriecht er ins Bett. — Aber er kann sich nicht erwärmen und kann nicht schlafen, ein böser Husten hebt seine Brust und plötzlich fängt er an zu plaudern und Geschichten zu erzählen, vom Lehrer und der heißen Stube, vom Großbauer Toni und dem lustigen Heimgang und wie er sich gefreut hat aufs Feuer, — eine Geschichte nach der andern, nur unterbrochen von dem hässlichen Husten, der ihm fast den Athem raubt. Und wie ihn die Mutter zur Ruhe mahnt, da klagt er leise, dass ihm die Brust weh thue, so wehe — und bittet wieder um Licht, um Feuer, auf das er sich so gefreut.
Die Mutter hört ihn erschrocken an, sie herzt ihn und sucht ihn zu erwärmen an ihrer Brust — er aber jammert immer leise fort und hustet und ringt nach Athem, und als sie ihn fragt: „Loisl, Bub, bist Du krank?“ Da lächelt er mit glühenden Wangen und glänzenden Augen, und streichelt die Mutter mit den heißen Händchen und möchte nur gerne hinaus aus der Stube in den Wald. Dann wird er doch wieder ruhiger, denn jetzt — o, jetzt geht es ihm gut, sehr gut — jetzt sieht er die goldenen Engel, die in der Pfarrkirche nächst dem Hochaltar stehen, und sie spielen mit ihm — ach, wenn er nur Feuer hätt‘ — Licht — denn der Mond gieng auch unter und es ist schauerlich dunkel in der Kammer.
Die arme Frau weint und hält ihr fieberndes Kind im Arm, und hat nichts, kein Feuer, kein Licht, keinen erquickenden Trunk — und der Kleine hustet immer rauher und öfter und plaudert fort mit heiserer Stimme die ganze lange, entsetzliche Nacht, bald klagend, bald heiter, und wie ein rother Faden zieht sich die Sehnsucht durch seine Träume, die Sehnsucht nach Feuer und Licht.
Sie hält es nicht mehr aus in ihrer Todesangst, die arme gequälte Mutter.
„Loisl,“ sagt sie mit bebenden Lippen, „ich komme gleich wieder, wirst ruhig sein?“
„Ja, Mutter,“ flüstert der Kleine, „ich werd‘ mit den goldenen Engelein spielen!“
Es ist drei Uhr morgens, der Mond ist unter, nur die blassen Sterne glänzen noch am dunklen Nachthimmel, der Schnee knarrt unter den Füßen und im Walde kracht’s, wo die Last des Schnees die Aeste bricht. Da huscht ein Schatten, eine Gestalt in den weißen gespenstigen Wald und bückt sich und klaubt und sammelt rastlos und keucht jetzt unter schwerer Last, die sie mühsam weiter schleppt.
Am Waldesrand bleibt sie stehen und athmet tief auf und schaut zu den blitzenden Sternen empor. „Der Pfarrer sagt: Stehlen ist Sünd!“ flüstert sie leise — aber dann rafft sie sich wieder auf, finster entschlossen und keucht weiter den schweren Gang für ihr Kind. Endlich ist die Hütte erreicht, sie stößt die morsche Thür mit dem Fuße auf und wirft die Last auf den Boden, schnell ist ein Streichholz gefunden und bald knistert’s und prasselt’s auf dem Herde — das Feuer brennt und nun erst tritt die Mutter zum Bett: „Lois, mein Lois, freu Dich, ich hab‘ Dir Feuer gebracht!“
Aber der Lois freut sich nicht mehr über’s Feuer, der Lois braucht’s nicht mehr — er spielt mit den Engeln.
Erzählung aus dem Buch „Novellen und Erzählungen“ von Seraphine Blangy-Lebzeltern, Verlag Kleinmayr, Klagenfurt 1891, Federzeichnung: Franz Schlegel