Ein Märchen vom Wörthersee

Alten Überlieferungen nacherzählt von Seraphine Freiin v. Blangy-Lebzeltern.

(Erschienen in der Tageszeitung Pester LLoyd am 1.1.1907, Seite 4)

Es war einmal eine große Stadt. Aus einer prähistorischen Siedelstätte am rauschenden Gießbach war sie entstanden, römische Kultur hatte sie beleckt, und ein heiliger Mann, der in Noricum mediterraneum das Evangelium gepredigt, hatte auf niederem Felsenkegel in ihrer Mitte das erste christliche Gotteshaus in dem weiten, fruchtbaren Bergthal errichtet. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt war die Niederlassung zu immer höherer Blüthe gediehen. Das kleine Kirchlein, um das sie sich ursprünglich geschaart, war zur säulengeschmückten Basilika geworden, die rohen Blockhäuser mit ihren bemoosten Rindendächern hatten sich in prächtige Steinbauten verwandelt, in denen kostbare Mosaiken mit den Füßen getreten wurden, seltene orientalische Stoffe die Wände verkleideten und Alles von eitel Gold glänzte. Natürlich hatte auch der früher einfache fromme Sinn der Stadtbewohner eine gewaltige Wandlung erfahren, — es fehlte nicht an rauschenden Festen, die nur zu oft in bacchantische Orgien ausarteten und nur zu sehr an die Saturnalien der nahegelegenen römischen Kolonie Virunum mahnten.

Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Als die Weihnachtszeit herannahte und die Christengemeinden sich rüsteten, die Erinnerungsfeier an den Eintritt des Erlösers ins irdische Dasein würdig zu begehen — da brannten auf dem Marktplatze unserer Stadt mächtige Julfeuer und das jubelnde Volk wurde nicht müde, sie mit riesigen Holzklötzen zu nähren, die dem nahe gelegenen, geheimnißvollen Norenwalde entstammten. Jung und Alt sprang in wilder Lust um und über die hoch auflodernden Flammen, welche das wüste Treiben grell beleuchteten.

Und nicht nur die unteren Volksschichten gaben sich ungezügelter Lust hin — auch in den Prunksälen der Paläste berauschten sich bunt ausstaffirte Masken an glühendem Südwein und schwangen sich die Paare immer toller und toller im bacchantischen Reigen.

Nur der Kirchenhügel blieb dem wilden Treiben entrückt. Blasse Mondesstrahlen spielten auf dem Mosaikboden der todtenstillen Basilika und dienten den weiten Säulenhallen als einzige Beleuchtung. Keine Hand war da, die Lichter auf dem Altartische zu entzünden, die Glocken in Bewegung zu setzen und doch fehlten nur mehr wenige Minuten von der Mitternachtsstunde, wo die Christmette ihren Anfang nehmen sollte. Küster und Chorknaben waren verschwunden — sie rasten mit den Rasenden durch die Gassen der Stadt und huldigten dem alten Heidengott Wuotan und der ebenso geliebten als gefürchteten Frau Berchta. Im ehrwürdigen Dome lag nur ein greiser Priester in Gebet versunken auf den Knien.

Da — mit einem Male durchzitterte ein sanftes Wehen die Luft, Tonwellen begannen sich zu schwingen, die Glocken im Thurme klangen an — ganz leise zuerst — dann lauter und lauter und bald riefen ihre ehernen Zungen die Gottvergessenen ins vereinsamte Gotteshaus! Aber sie kamen nicht.

Wohl schrak einer oder der andere der Festgenossen zusammen, als der Ruf der Glocken an sein Ohr schlug — wohl war es Einem oder dem Andern, als ob — statt Gluthitze — Eisesluft aus den Flammen dringe, als ob sich über all das hellglänzende Licht dichte Schatten senkten, aber Keiner fand den Weg zur Umkehr.

Und die Schatten ballten sich immer dichter zu einer deutlich umrissenen Gestalt, zu einem grauen Männlein mit wallendem Bart- und Haupthaar, dessen Hand am Hahn eines kleinen Fäßchens ruhte und das zuerst milde, eindringliche, dann ernste, grollende Mahnworte an das freudentrunkene Volk richtete. Doch auch diese verklangen ungehört — übertönt von dem Jauchzen und Kreischen der Menge, die — unbekümmert um Alles, was um sie herum vorging — weiter tobte und wirbelte im Taumel sinnverwirrender Lust. Da verschwand der geheimnißvolle Warner — das graue Männlein löste sich in bleiche Nebelschwaden auf — das Fäßchen aber rollte, mit offenem Hahn, mitten hinein in die frevelhafte Tänzerschaar. Dünne Wasserschnüre entströmten ihm und zugleich hub ein Zischen und Brausen, ein Rauschen und Tosen an, als ob die „wilde Jagd“ über die Stadt dahinsauste. Heftiger Sturmwind fegte durch die Straßen, der Boden erzitterte unter den Füßen der Tänzer, die gleichsam betäubt den so plötzlich hereingebrochenen Naturschrecken gegenüberstanden. Mit einem Male wandte sich Alles zur Flucht, zur wilden, rasenden, verzweifelten Flucht! Wie von Furien gepeitscht, stürzte die Menge dahin, dorthin — alle Bande des Blutes, des Herzens schienen zerrissen, Jeder dachte nur daran, das eigene armselige Leben zu retten.

Aber — oh namenloses Entsetzen — überall, wohin die Unseligen ihre wankenden Schritte lenkten, allüberall strömten ihnen — entfesselten Gießbächen gleich — gurgelnde Wasser entgegen, netzten ihre Füße, stiegen an ihren Knien empor — an die keuchende, nach Athem ringende Brust, bis sie, über den Köpfen der Ertrinkenden zusammenschlagend, den letzten Verzweiflungsschrei erstickten.

Zischend waren die Julfeuer erloschen. Dichtes Gewölk verhüllte die Mondesscheibe, tiefe Finsterniß herrschte und lautlose Stille, durch die nur ab und zu — wie aus weiter Ferne — ein leiser Glockenton drang.

Wintersonnenwende! Langsam stieg im Osten das „wiederkehrende Licht“, die goldene Sonnenkugel empor und warf ihren blassrothen Schein auf eine spiegelhelle Wasserfläche, die sich südlich vom Noren- und Bannwald ausdehnte — da wo noch gestern in einem fruchtbaren Thale das reiche Leben einer blühenden Stadt pulsirt hatte.

Vineta gleich, ruht sie, zu ewigem Schlafe verurtheilt, in der Tiefe. Nur die Fischer der umliegenden Seeufer, die zur Weihnachtszeit zu nächtlichem Fischfang ausfahren, hören bisweilen durch die Stille der Nacht ein leises Klingen vom Seegrund herauf und sprechen dann wohl ein Stoßgebet für die Unseligen, die ihr Ohr dem Mahnrufe der Glocken so lange verschlossen hielten — bis es zu spät war.

 

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